FightING ILISU DAM  - SAVE HASANKEYF AND TIGRIS VALLEY

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Süddeutsche Zeitung: “Warum bringt Ihr uns um?“ (26.03.2007)

Staudamm contra Denkmalschutz

 

"Warum bringt ihr uns um?"

 

Das historische Hasankeyf im Südosten der Türkei soll einem Staudamm weichen. Originellerweise preist das Bau-Konsortium die Flutung der Stadt als ihre Rettung.
Von Kai Strittmatter 26.03.2007

 

Wenn sich heute welche zusammen finden und im Geiste Martin Luthers ein Bäumlein pflanzen, dann ist selten Gutes zu erwarten. Schon eher, dass morgen die Welt untergeht. Aus Sicht von Abdül Vahap Kusen droht genau das.

Kusen ist Bürgermeister von Hasankeyf. Die Stadt soll ersäuft werden, ein Opfer des Ilisu-Staudamms. "Warum tut ihr uns das an", fragt Kusen: "Warum bringt ihr uns um?" Er fragt das die Deutschen, die Österreicher und die Schweizer, die an diesem Tag gekommen sind. Weil die drei Nationen drauf und dran sind, sich im Verein mit der türkischen Regierung zu Totengräbern von Abdül Vahap
Kusens Welt zu machen.

Und was für eine Welt. Eine Siedlung in der Vertikalen. 200 Meter steigen die Felswände hier senkrecht hoch. "Weich wie Käse ist der Stein", sagt der Fischer Ahmet, der sich einen ganzen Morgen auf einem alten Lkw-Schlauch über die Wasser hat treiben lassen. Und so haben sie ihn durchlöchert, den Fels. Seit mehr als zehntausend Jahren haben die Menschen hier Höhlen gegraben und am Fels geklebt wie die Schwalben in ihren Nestern. Bis in die siebziger Jahre hinein.

 

Tief unter einem der träge Tigris und hinten die Berge Mesopotamiens. Byzantinische Kirchen hat man ebenso in den Fels gemeißelt wie Moscheen. Die einzige erhaltene Stadt aus der Antike in diesem Land. Ein ayyubidisches Minarett ragt in den Himmel, darauf reckt sich ein Storch. Käme der 313 Quadratkilometer große Stausee, dann würde sein Kopf wohl gerade noch aus dem Wasser lugen.

Die Babylonier, die Assyrer, die Römer, die Byzantiner, die Araber, die kurdischen Ayyubiden, sie alle haben hier gelebt und ihren Teil in das archäologische Schatzkästlein hineingelegt. Und nun sollen Türken, Deutsche, Österreicher und Schweizer vollbringen, was selbst dem Ansturm der
Mongolen nicht gelang - die Vernichtung Hasankeyfs?

 

"Ich bin sprachlos angesichts der Schönheit", sagt die Frau, die am Mikrophon steht. Sie wendet sich an die Regierungen in Berlin, Wien und Bern: "Kommt her und schaut selbst, bevor ihr euch zu Komplizen eines Verbrechens macht: der Zerstörung eines einmaligen Erbes der Menschheit".

Bianca Jagger heißt die Dame und wurde eben, nicht ganz korrekt und unter sichtbarem Zucken ihrer Augenbrauen als "berühmte Sängerin" angekündigt, wo sie sich doch eher als Menschenrechtlerin einen Namen gemacht hat.

Die Britin Jagger ist dem Kampf gegen den Ilisu-Damm schon länger verbunden: Ursprünglich waren es die Briten, die hier mit den Deutschen bauen
sollten. Die Proteste aber waren so laut, dass sich die britische Firma 2002 zurückzog und das Projekt, wieder einmal, platzte.

Das Ilisu-Projekt ist, ähnlich wie andere Riesendämme, ein Kind der fünfziger Jahre. Ähnliche Dämme am Euphrat sind längst gebaut - der Ilisu-Damm jedoch wäre der Erste, der den Lauf des Tigris versperrte. Unzählige Male ist das Projekt geplatzt, unzählige Male wurde es wiederbelebt. Zuletzt vom amtierenden Premier Tayyip Erdogan.