FightING ILISU DAM  - SAVE HASANKEYF AND TIGRIS VALLEY

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Österreich: Protestwelle gegen Staudamm-Projekt

Reportage aus Ostanatolien:

PROTESTWELLE GEGEN STAUDAMM-PROJEKT
Die türkische Stadt Hasankeyf soll überflutet werden - mit österreischischem Know-How


von Corinna Milborn
in: ÖSTERREICH, Print, am 18. September 2006

Österreich, Deutschland und die Schweiz finanzieren den Ilisu-Staudamm am Tigris.

Hasankeyf. „Bis hierher wird das Wasser stehen, wenn der Ilisu-Stausee voll ist“, sagt Rüstem Ayhan und zeigt auf die Oberkante der Fenster seines Restaurants. Es ist das höchste Restaurant in Hasankeyf, direkt am Tor zur Altstadt oben am Berg: In die fast senkrechte Sandsteinwand ist eine geräumige Höhle mit weißgekalkten Wänden gegraben. Man sitzt auf Polstern und Teppichen, an den niedrigen Tischen wird Tee in goldenen Gläsern serviert. Es sieht aus wie in Tausend und einer Nacht. Vermutlich ist diese Höhle seit 5000 Jahren ein Restaurant – so lange ist Hasankeyf schon eine Stadt, seit den Sumerern. Besiedelt ist der Ort seit 11.000 Jahren. Von Rüstems Terrasse aus sieht man hunderte Höhlen, Wohnhäuser, Geschäfte, die Moschee aus dem 14. Jahrhundert, die steinerne Brücke über den Tigris. „Das alles wird unter Wasser verschwinden. Wir haben Dutzende Kulturen erlebt, von den Sumerern bis zum Osmanischen Reich. Wir haben sogar den Angriff der Mongolen überlebt. Jetzt ist es wohl aus, wenn ihr den Damm baut“, sagt Rüstem.

„Ihr“, das sind die Österreicher. Der Damm, das ist der Ilisu-Damm – ein 135 Meter hoher Staudamm zu Stromerzeugung, der flussabwärts den Tigris aufstauen und in einen 150 km langen See verwandeln soll, halb so groß wie der Bodensee. Neben der Stadt Hasankeyf sollen 199 kurdische Dörfer, 150 davon besiedelt, darin versinken. Die türkische Regierung will den Damm schon seit 35 Jahren bauen – aber erst sagte die Weltbank ab, weil die ökologischen und menschenrechtlichen Auswirkungen zu groß sein. Dann, vor fünf Jahren, stieg wegen der internationalen Proteste ein Baukonsortium rund um den englischen Konzern Balfor Beatty aus. Nun hat die österreichische VA-Tech/Andritz die Bauleitung übernommen. Der Spatenstich ist gesetzt, man wartet nur noch auf Exportgarantien der Finanzministerien von Österreich, der Schweiz und Deutschland: Das Projekt soll mit Steuergeldern besichert werden. „Das Projekt ist verbessert worden. Wir haben etwa ein umfangreiches Programm für die Menschen entwickelt, die umgesiedelt werden müssen. Sie bekommen neues Land oder Entschädigungen“, sagt Alexander Schwab, Sprecher der VA-Tech.

In Süceken, einem kleinen kurdischen Dorf bei Hasankeyf, traut man dem nicht. Das Dorf ist nicht zum ersten Mal in seiner Existenz bedroht: 1982 wurde es vom türkischen Militär bombardiert. In den 1990er Jahren, als das Militär tausende Dörfer räumte
und Millionen Kurden umgesiedelt wurden, retteten sich die Bewohner mit Hilfe internationaler Protestaktionen. „Jetzt kommt das Wasser, damit haben sie uns“, sagt Osman, der gerade sein Haus ausgebaut hat. Hier wird der Staudamm als rein militärisches Projekt gesehen: Teil des Kampfes gegen die Kurden, den die Türkei seit Jahren führt und der in den letzten Monaten wieder aufgeflammt ist. Ein Drittel der türkischen Armee ist derzeit in der Region, nahe der irakischen Grenze, stationiert. Es gibt täglich Gefechte mit der PKK. Panzer, Maschinengewehrnester, Kolonnen von Soldaten und Checkpoints bestimmen das Bild.

Osman kann nicht  auf Entschädigung hoffen: Seit der Räumungsversuche hat hier kaum jemand einen Landtitel, und ohne Landtitel wird es schwierig. Im besten Fall wird das Dorf oberhalb des Staudamms wieder aufbaut: „Doch dort sind nur Felsen – wovon soll man da leben?“ sagt Osman. „Wir werden wohl in die Elendsviertel von Dyarbakir gehen müssen.“ Denn der Bau des Dammes soll zwar Tausende Arbeitsplätze bringen – doch ist er in acht Jahren einmal fertig, werden nur mehr knapp 500 Menschen dort arbeiten. 80 Prozent der Gemeinden in der Region sind daher gegen das Projekt.

Der Bürgermeister von Hasankeyf, der bedrohten
Stadt, hofft nun auf die österreichische Regierung. Zwar will das Baukonsortium archäologische Grabungen finanzieren und die Altstadt – die über der Wasserlinie liegt und vor 35 Jahren zwangsgeräumt wurde – zu einem Freilichtmuseum ausbauen. Doch der Ausgrabungsleiter vor Ort meint: „Es ist unmöglich, die archäologisch wertvollen Objekte einfach umzusiedeln.“ Und Rüstem sagt: „Das ist, als würde man Salzburg überfluten und dafür das Mozarthaus auf die Festung umsiedeln. Wir sind eine der ältesten Städte der Welt, kein Museum.“ Ob das so bleibt, entscheidet nun das österreichische Finanzministerium: Dort soll bis Ende des Monats die Finanzierung des Ilisu-Dammes beschlossen werden.

INFO-KASTEN

Der Ilisu-Damm in der Türkei soll den Tigris 65 Kilometer oberhalb der syrischen Grenze zu einem 150 km langen See aufstauen und Strom erzeugen, die Baukosten betragen 1,2 Milliarden Euro. Etwa die Hälfte soll über staatliche Exportgarantien aus Österreich, Deutschland und der Schweiz kommen. Die Bauleitung liegt bei der VA-Tech-Hydro / Andritz (Anteil: 240 Mio. Euro)
 
199 Dörfer und die 5000-jährige Stadt Hasankeyf sollen überflutet werden, 33.000 Personen sind betroffen. Das Konsortium verspricht Entschädigung, die Abwicklung ist noch unklar. Umweltorganisationen kritisieren die Zerstörung eines einzigartigen Lebensraumes; betroffen sind auch die Beziehungen zum Irak und zu Syrien, denen die Türkei „das Wasser abdrehen“ könnte.
Infos
des Konsortiums: www.ilisu-wasserkraftwerk.com
Infos der Kritiker:
www.eca-watch.at