FightING ILISU DAM  - SAVE HASANKEYF AND TIGRIS VALLEY

Welcome to the Homepage of the „Initative to Keep Hasankeyf Alive“

Die Presse: Antike Stadt soll im Tigris versinken

 

17.05.2006 - Chronik <http://www.diepresse.com/textversion.aspx?channel=c> / Weltjournal

Antike Stadt soll im Tigris versinken

VON WIELAND SCHNEIDER

Türkei. In Ostanatolien wächst der Widerstand gegen ein Staudammprojekt der VA Tech.

Diyarbakir/Wien. Wie kleine Festungen thronen die Steinhäuser auf den alten Mauern. In ihrer Mitte erhebt sich ein hoher, schlanker Turm, das Minarett der El-Rizk Moschee, die 1409 unter Sultan Suleyman errichtet wurde. Am Fuße der Mauern ragen wuchtige Steinpfeiler aus dem Wasser des Tigris - Überreste einer mittelalterlichen Brücke. Am Ufer des Flusses tummeln sich Menschen vor kleinen Verkaufsständen und Fischlokalen.

Mehrere tausend Jahre ist die ostanatolische Stadt Hasankeyf alt - eine touristische Sehenswürdigkeit voll von Bauwerken und Funden aus Antike und Mittelalter. Geht es nach dem Willen Ankaras soll ein Teil der alten Stadt aber bald vom Tigris verschluckt werden. Sie muss einem der ehrgeizigsten Bauvorhaben des türkischen Staates weichen, dem Ilisu-Projekt - einem gigantischen Staukraftwerk, das künftig 1200 Megawatt Strom liefern soll.

Das ausländische Konsortium, das mit dem Bau des Damms beauftragt wurde, wird von einer österreichischen Firma angeführt, der VA Tech Hydro.

Ilisu ist nur Teil eines ganzen Netzes von Staumauern und Kraftwerken, das die türkische Regierung über den Südosten des Landes legen will - um Strom zu erzeugen und dem unterentwickelten Ostanatolien wirtschaftlichen Aufschwung zu bringen, wie es in Ankara heißt. Der Preis dafür ist nicht nur Hasankeyf. Auch zahlreiche Dörfer in der Region müssen geräumt und mehrere 10.000 Menschen umgesiedelt werden, um das Ilisu-Staukraftwerk zu verwirklichen.

Je näher der Baubeginn rückt, desto stärker wächst der Widerstand gegen das Projekt. Die Bürgermeister von Diyarbakir und Batman, den größten Städten in der Region, laufen Sturm gegen die Pläne aus Ankara. Zudem macht eine Reihe von NGOs mobil: "Durch den geplanten Stausee werden kulturelle und historische Werte vernichtet", kritisiert Ercan Ayboga, Sprecher der "Initiative zur Rettung von Hasankeyf". Statt Hasankeyf unter Wasser zu setzen, sollte Ankara lieber in Kultur-Tourismus investieren.

Kritik übt Ayboga auch an den ausländischen Firmen, die in das Projekt involviert sind: "Sie denken, sie können außerhalb Europas an Projekten verdienen, für die es in ihren eigenen Ländern niemals eine Erlaubnis geben würde. Wir verlangen, dass die selben Kriterien wie bei Großprojekten in Österreich angewandt werden."

Um Druck auf die VA Tech auszuüben, ist nun eine Delegation der Staudammgegner aus der Türkei eigens nach Wien gereist. Sie wollen erwirken, dass Österreichs Finanzministerium keine Haftung für die VA Tech übernimmt.

Alexander Schwab, Sprecher der VA Tech Hydro, weist jede Kritik zurück: "Das Projekt bringt 1,2 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in die Region." Während der neun Jahre Bauzeit würden bis zu 20.000 Menschen Arbeit finden. Zudem habe die türkische Regierung einen umfassenden Entschädigungsplan für die von der Umsiedlung betroffenen Dorfbewohner ausgearbeitet.

In Diyarbakir zeigt man sich hingegen über den zu erwartenden Schub neuer Migranten besorgt. "In den neunziger Jahren wurden bereits 4000 Kurden-Siedlungen geräumt", sagt Firat Anli, Bürgermeister des Stadtteils Yenisehir. "Im Diyarbakir gibt es jetzt zehntausende Kinder der Vertriebenen ohne Bildung und Jobs."

Für die alte Stadt Hasankeyf hat sich die türkische Regierung eine besondere Lösung ausgedacht: Ein Teil der historischen Stätten soll abgetragen und in einem Archäologiepark aufgestellt werden - eine Art History-Disney im Tigristal.

© diepresse.com | Wien