Das
Ilisu-Staudammprojekt am oberen Tigris gefährdet ein 12.000 Jahre
altes Weltkulturerbe und bedroht tausende Bauernfamilien mit Zwangsumsiedlung
und Existenzvernichtung.
Noch vor der Flut nach
Hasankeyf
von Thomas Schmidinger (26.05.2006)
Schaut euch Hasankeyf an. Vielleicht
habt ihr die letzte Gelegenheit diese wunderschöne Stadt noch
zu sehen!“ Der Besitzer des kleinen Hotels in Midyat macht mit einer
etwas eigenwilligen Tourismuswerbung auf die eine halbe Fahrstunde
nördlich gelegene Stadt aufmerksam. Tatsächlich scheint
sich in Hasankeyf ein touristischer Anachronismus zu etablieren: ein
Tourismus in letzter Minute. Obwohl die türkische Regierung fix
beschlossen hat, die Stadt unter einem 312 Quadratkilometer großen
Stausee verschwinden zu lassen, wurden in den letzten Monaten neue
Informationstafeln des Tourismusministeriums aufgestellt.
Tourismus der letzten Minute
Verglichen mit meinem letzten Besuch in der Stadt sind deutlich mehr
Touristen zu sehen. In letzter Minute wollen viele noch die historische
Stadt am Oberlauf des Tigris sehen. In der Stadt selbst bleibt dabei
jedoch wenig Geld liegen. Die meisten Gäste sind türkische
Tagesausflügler. Seit Jahren hat hier niemand mehr in den Tourismus
investiert. Niemand baut ein Hotel, wenn er befürchten muss,
dass dieses schon in wenigen Jahren unter einem Stausee des türkischen
gap-Projektes verschwindet.
Bis 2010 sollen im Rahmen des gap mehr als ein Dutzend Staudämme
an Euphrat und Tigris errichtet werden. Durch den Ilisu-Damm würden
dem „Kurdish Human Rights Project“ zufolge 12.000 Anwohner vertrieben
werden, weitere 60.000 Bauern würden ihr Land und damit ihre
Lebensgrundlagen verlieren. Da die meisten dieser Bauern keine Landtitel
besitzen und viele von ihnen selbst erst während des Kriegs zwischen
Regierung und der kurdischen Guerilla pkk in den 1980er- und 90er-Jahren
aus ihren Dörfern vertrieben wurden, werden nur wenige von ihnen
entschädigt werden. Realistische Umsiedlungspläne fehlen
völlig (s. S. 3).
Malaria kehrt zurück
Bereits gemachte Erfahrungen mit dem Atatürk-Staudamm am Euphrat
versprechen auch für die Bewohner des oberen Tigris-Tales nichts
Gutes. Viele der durch den Atatürk-Damm vertriebenen Bewohner
wurden bis heute nicht entschädigt. Dreizehn Jahre nach seiner
Eröffnung droht er mittlerweile wieder zu verschlammen. Das Erdreich
der umliegenden Berge erodiert immer mehr und rutscht in den Stausee.
Krankheiten wie Malaria, die in der Region längst als ausgerottet
galten, kamen durch das stehende Wasser wieder zurück.
Mit 1200 Megawatt Leistung ist das nun am Tigris geplante Kraftwerk
viel kleiner als die Kraftwerke am Euphrat. Tatsächlich geht
es der türkischen Regierung und den Militärs jedoch nicht
nur um Strom. Die Türkei nutzt ihre durch die Stauseen gewonnene
Kontrolle über das Wasser der Flussoberläufe Mesopotamiens
zunehmend als politisches und militärisches Druckmittel und zudem
als politischen Hebel gegen Syrien. Nun soll offensichtlich noch vor
einem eu-Beitritt und gegenüber einem geschwächten irakischen
Nachbarn mit dem Bau des nächsten Großkraftwerkes begonnen
werden.
Türkische Militärs und Politiker sind jedoch selbst nicht
in der Lage ein solches Großprojekt durchzuführen. So sind
es europäische Unternehmen, allen voran der österreichische
Wasserkraftwerks-Spezialist va Tech Hydro, der erst kürzlich
von Siemens an die steirische Andritz ag verkauft wurde. Ercan Ayboga,
Sprecher der lokalen „Initiative zur Rettung von Hasankeyf“, in der
sich neben örtlichen Aktivisten auch die Kommunen der Region
zusammengeschlossen haben, macht auf die politische Verantwortung
in Österreich aufmerksam: „Ohne Exportkredite der Kontrollbank
wird die va Tech Hydro hier nicht das Risiko eingehen zu bauen. Es
ist also auch in Österreich eine politische Entscheidung, ob
ihr ein solches Projekt über die Köpfe der Leute hinweg
baut oder nicht!“
Tatsächlich wären die Risken eines solchen Großprojektes
auch für ein Unternehmen wie die va Tech Hydro zu hoch, um sie
alleine zu tragen. Schließlich kam es gerade in den letzten
Monaten wieder zu verstärkten Kampfhandlungen zwischen Regierung
und pkk. Die damit verbundene verstärkte Repression gegen die
Zivilbevölkerung ist auch für Nonno Breuss von Eca-Watch,
einem Zusammenschluss von ngos, die sich mit der kritischen Beobachtung
der Vergabe von Exportkrediten beschäftigen, einer der Gründe,
gegen das Projekt Stellung zu beziehen: „In einem Klima von Gewalt
und Einschüchterung ist es unverantwortlich, die Zwangsabsiedelung
vieler tausender Menschen vorzunehmen.“
Der Ilisu-Damm wäre jedoch nicht nur aus der Sicht von Menschenrechts-
und Umweltaktivisten eine Katastrophe, sondern auch für Archäologen
und Historiker. Das obere Tigristal gehört zu den ältesten
Kulturlandschaften des Menschen. Hier im fruchtbaren Halbmond entstanden
die ersten festen Siedlungen, Städte und Reiche der alten mesopotamischen
Hochkulturen. Ihnen folgten Römer, Araber, Seldschuken und Osmanen,
die alle ihren Beitrag zum Weltkulturerbe Hasankeyf beisteuerten.
In der Stadt gibt es noch bewohnte Höhlenwohnungen, ayyubidische
und seldschukische Moscheen, von Sufi-Orden betreute Heiligengräber,
Burgen und andere Gebäude von immenser kulturhistorischer Bedeutung,
die mit der Landschaft zu einem einmaligen Panorama verschmelzen.
Die Stadt ist jedoch trotz seiner Kulturschätze kein Museum,
sondern wird von einer einzigartigen Mischung aus Kurden, Arabern
und christlichen Assyrern, die noch aramäische Dialekte sprechen,
bewohnt – Menschen, die gerne hier wohnen und keine Absichten haben,
freiwillig ihre Stadt zu verlassen.
Unwissen &Ablehnung
Eine vom Vertriebenen-Verein der nahe gelegenen Großstadt Batman
im Februar und März 2006 durchgeführte Umfrage in den vom
Ilisu-Staudamm betroffenen Siedlungen machte eine klare Ablehnung
des Projektes in der gesamten Region deutlich. Die Umfrage stellte
ein massives Informationsdefizit unter der Bevölkerung fest:
78 Prozent der Befragten wissen nicht, welche Auswirkungen die Talsperren
haben. Fast 90 Prozent wissen nicht, dass sie in das Projekt und seine
Planung einbezogen werden sollten. Rund 70 Prozent der Befragten wissen
nicht, wie sie nach einer Umsiedlung in die Stadt ihren Lebensunterhalt
verdienen sollen. Über 80 Prozent beurteilen den Staudammbau
und die damit verbundene Umsiedlung negativ und sprechen sich gegen
den Bau aus.
„… dann gibt es Krieg“
Eine junge Frau aus der Stadt erklärt, dass sich die Leute hier
nicht einfach vertreiben lassen werden: „Wohin sollen wir gehen? In
den großen Städten gibt es schon genug Vertriebene ohne
Arbeit.“ Wie im gesamten Osten der Türkei sind auch in Hasankeyf
die meisten Jugendlichen ohne Arbeit und geregeltes Einkommen. Es
gibt aber noch halbwegs intakte, gewachsene Familien- und Solidaritätsnetzwerke,
die ein Überleben sichern. Ein alter Mann in einem der Kaffeehäuser
wird in seinem Protest noch deutlicher: „Wenn die meine Stadt zerstören
wollen, gibt es Krieg!“
Tatsächlich gibt es längst schon wieder Krieg in der Region,
und auch die Baustellen der gap-Projekte könnten zu Zielen der
Auseinandersetzungen werden – immerhin hat sich die pkk mehrfach gegen
den Damm ausgesprochen. Von Seiten der Regierung versucht man solche
Probleme mit Repression zu lösen. Auf der Strecke von Hasankeyf
nach Diyarbakir stehen Checkpoints des türkischen Inlandsmilitärs.
Das türkische Militär bewegt sich hier wie im Feindesland.
Und das Versenken ganzer Landstriche ohne jede Einbeziehung der Bevölkerung
wird dieses Verhältnis zur Bevölkerung nicht verbessern.
Der Autor ist Politikwissenschafter
und Mitarbeiter der im Irak tätigen Hilfsorganisation Wadi. Weitere
Info: www.eca-watch.at