FightING ILISU DAM  - SAVE HASANKEYF AND TIGRIS VALLEY

Welcome to the Homepage of the „Initative to Keep Hasankeyf Alive“

Das Ilisu-Staudammprojekt und seine Auswirkungen

 

Stoppt die Vernichtung Hasankeyfs

 

 

Initiative zur Rettung von Hasankeyf, Juli 2007

 

 

Die türkische Regierung plant wieder seit Ende 2004 den Bau des Ilisu-Staudamms am Tigris und dies, obwohl dieses strittige Projekt schon einmal 2001/2002 wegen seiner offenen negativen Folgen scheiterte. Damals formierte sich in der Staudammregion und auch europaweit eine große Kampagne, die es zu Fall brachte. Erst zogen sich drei der am Konsortium beteiligten Unternehmen aus Großbritannien, Schweden und Italien, dann eine schweizerische Bank zurück.

Nun beteiligen sich wieder mehrere europäische und vier türkische Unternehmen am Ilisu-Projekt. Dabei handelt es sich um sechs Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, darunter das Stuttgarter Bauunternehmen Züblin AG. Konsortialleiter ist jedoch Andritz (VA Tech) aus Österreich. Unter den türkischen Unternehmen ist Nurol federführend.

Die europäischen Unternehmen des Ilisu-Konsortiums haben Ende 2005 bei den Exportkreditagenturen (ECA) ihrer Regierungen einen Antrag auf Exportkreditgarantie gestellt. Kurz zuvor waren die von den ECAs verlangte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) und der Umsiedlungsplan (RAP) veröffentlicht worden. Trotz vieler Proteste in der Ilisu-Region und in Europa und vernichtender Kritik von verschiedensten Seiten wurde Ende März 2007 dieses Projekt von den deutschen, österreichischen und schweizerischen Regierungen bewilligt. Somit ist aus Sicht der Unternehmen die größte Hürde genommen. Doch bis heute konnte der Bau noch nicht beginnen, weil die Proteste weitergingen, weil unter 150 Auflagen immer noch nicht die letzten Unterschriften gesetzt werden konnten (die türkische Regierung versucht nachzuverhandeln) und weil Mitte Juni 2007 sich die schweizerische Züricher Kantonalbank (ZKB) aus dem Projekt zurückzog.

 

GAP und Ilisu-Staudamm

Das Ilisu-Staudamm- und Wasserkraftwerksprojekt ist ein wichtiger Teil des Südostanatolienprojekts namens GAP (türk.: Güneydogu Anadolu Projesi), welches 1982 beschlossen wurde. Es ist zusammen mit dem Narmada-Projekt (Indien) zurzeit auf der Welt das gigantischste Wasserkraftwerks- und Bewässerungsprojekt seiner Art. Dieses sieht vor, die Flüsse Euphrat und Tigris mit 22 Dämmen zu stauen und 17.600 km2 Land zu bewässern. Insgesamt sollen 19 Kraftwerke an den beiden Flüssen 27.300 GWh/Jahr Strom erzeugen. Die meisten Staudämme sind schon errichtet. Die Gesamtkosten des GAP werden auf 32 Mrd. $ angesetzt. Das so genannte „Südostanatolien“ (die kurdischen Provinzen) soll mittels Energieerzeugung, Bewässerung und Schaffung von Arbeitsplätzen (3,6 Mill. werden angegeben) einen wirtschaftlichen Aufschwung erfahren.

Das GAP sollte ursprünglich 2010 fertig gestellt werden, doch ist aus diversen Gründen ein Ende vor 2020 nicht in Sicht. Bisher wurden erst ca. 17 Mrd. $ investiert, die erzielten Einnahmen aus dem GAP übertreffen diesen Betrag, womit der türkische Staat im Plus liegt. Während in die Wasserkraft viel investiert wird (direkter Nutzen im Westen), werden andere eher den Menschen vor Ort etwa zukommende Aspekte deutlich vernachlässigt.

Der Ilisu-Staudamm soll den Tigris auf einer Länge von 136 km in einen künstlichen See verwandeln und ein Stauvolumen von bis zu 10,4 km3 (jährlicher Durchfluss beträgt an der türkisch-irakischen Grenze etwa 17 km3 = 520 m3 pro Sekunde) erzeugen. Der Stausee wird eine Fläche von bis zu 313 km2 haben (etwa 2/3 des Bodensees). Das Volumen des Baukörpers (44 Mill. m2) und die Breite des Staudammbauwerks (1820 m) sind unübertroffen in der Türkei. Die Höhe des Baukörpers beträgt 138 m. Der Hauptzweck dieser Talsperre ist die Energieerzeugung von 1200 MW (jährliche Energieausbeute 3800 GWh), womit Ilisu die viertgrößte der Türkei sein soll. Das gleich nach Ilisu folgende Stauwerk, der Cizre-Staudamm (Stausee etwa 30 km lang), soll hauptsächlich zur weitflächigen Bewässerung weiter südlich liegender Gebiete dienen.

 

Ilisu bedeutet Vertreibung und Verarmung

Sehr gravierende Folgen wird das Projekt in sozialer Hinsicht haben. Durch den Ilisu-Staudamm werden nach offiziellen Zahlen in 199 Dörfern und der Stadt Hasankeyf 55.000 Menschen direkt betroffen sein. Nicht hinzugerechnet und erwähnt im RAP sind jedoch die 23.000 Menschen, die durch die Vertreibung durch das türkische Militär in den 90er Jahren verstreut im ganzen Land leben. Unserer Schätzung und der bisherigen Erfahrung nach werden fast alle der 55.000 Menschen umsiedeln.

Der überwiegende Teil der Betroffenen wird bei Verwirklichung des Projekts verarmen. Das liegt daran, dass aufgrund des teilweise noch herrschenden Großgrundbesitzes knapp die Hälfte der Menschen gar nicht das Land besitzen, auf dem sie arbeiten; für diese sind nur Kredite vorgesehen, was in unberechenbare Verschuldung münden kann. Viele Kleinbauern haben nicht die Landtitel für alle ihre Felder, weil u. a. das Katasteramt sie noch nicht alle erfasst hat, und das wird innerhalb kurzer Zeit auch nicht der Fall sein. Selbst wenn Kleinbauern in Subsistenzwirtschaft alle Landtitel besitzen, werden sie doch zu wenig Entschädigung erhalten. Der Anteil der Menschen mit größeren Ländereien beträgt höchstens 10 %. Profitieren werden natürlich vor allem Großgrundbesitzer. Die in die Städte ziehenden Menschen sind auf das Leben in der Stadt kaum vorbereitet, hier werden sie ihre Entschädigung schnell aufbrauchen. Besonders die Frauen werden in den vier Wänden wie eingeschlossen leben, während sie auf dem Land sehr aktiv am produktiven Leben teilnahmen. Die Menschen, für die Umsiedlung in neue Siedlungen vorgesehen ist, werden sich in diesen Orten ökonomisch nicht selbst am Leben erhalten können, weil hier nicht genug Land vorhanden und der Wasserzugang beschränkt sein wird und außerdem keine Jobs angeboten werden. Sie werden mit Arbeitslosigkeit, Untätigkeit, sozialen und psychischen Problemen konfrontiert sein.

Der RAP ist in vieler Hinsicht zu kritisieren [siehe Sammlung von Kommentaren und Berichten: http://www.hasankeyfgirisimi.com/en/index-Dateien/background.htm].

Die direkt betroffenen Menschen in den Dörfern und der Stadt Hasankeyf wurden nur im Frühjahr 2005 nur ein einziges Mal vom Konsortium und DSI [Staatliche Wassergesellschaft] mittels des Unternehmens Encon kontaktiert. Mit mehreren tausend Haushalten wurden Umfragen durchgeführt, in denen ausführlich die sozioökonomische Struktur erfragt wurde. Zwar wurden einige Fragen zum Ilisu-Staudamm gestellt, aber nicht die entscheidende Frage, ob sie dieses Projekt wollten oder nicht. Den Menschen wurde bei der Umfrage klar gesagt, dass der Damm auf jeden Fall gebaut werde, egal ob die Menschen ihn wollten oder nicht. Bei der Umfrage wurden, wie die Befragten später berichteten, verlockende Fragen gestellt wie: „Wollt Ihr ein besseres Haus, wollt Ihr Bildung für Eure Kinder, wollt Ihr Arbeit?“ Die Ja-Antworten wurden als Zustimmung für das Ilisu-Projekt gewertet. Dementsprechend gab das Ilisu-Konsortium bekannt, dass angeblich 90 % der Menschen das Projekt befürworteten. Auch wollte Encon von den Befragten wissen, wie viel Entschädigung in Form von Geld sie wünschten. Dadurch wurden den Menschen eindeutig falsche Hoffnungen gemacht.

Der Verein der Flüchtlinge, Göc-Der, in Batman und in Diyarbakir führte in den jeweiligen zu überflutenden Siedlungen ihrer Provinz zwischen Januar und März 2006 eine eigene Umfrage durch. Demnach sind die Menschen überhaupt nicht auf eine Umsiedlung vorbereitet und ihr Kenntnisstand über das Projekt ist sehr begrenzt. Das Ergebnis dieser Untersuchung ergab, dass 82 % der Betroffenen das Ilisu-Projekt ablehnen.

Noch ein Beispiel, wie Partizipation vom Ilisu-Konsortium verstanden wird: Zur wichtigen Versammlung im Juli 2005 in Ankara, wo entschieden wurde, wohin die Stadt Hasankeyf umgelagert werde, wurde der Bürgermeister von Hasankeyf, Abdulvahap Kusen, gar nicht eingeladen.

 

Nichts als Kulturbarbarei

Das Ilisu-Überflutungsgebiet am Tigris liegt in Ober- bzw. Nord-Mesopotamien. In dieser Region gingen die ersten Menschen vor zwölf- bis zehntausend Jahren zum sesshaften Leben über. Hier wurden auch die ersten Kulturen entwickelt, die zur Herausbildung der großen Hochkulturen (wie der sumerischen) in Mittel- und Unter-Mesopotamien entscheidend beitrugen.

Die meisten der bisher bekannten ältesten Siedlungen der Menschheit liegen im Ilisu-Gebiet verteilt, wie z. B. Hallen Cemi, Çayönü, Nevala Cori, Göbekli Tepe. Im Ilisu-Gebiet liegt die bedeutende 12.000 Jahre alte Fundstätte Körtik Tepe. Es könnten noch viel mehr werden, wenn mehr ausgegraben würde. Gerade einmal etwa ein Drittel des Ilisu-Gebietes ist systematisch untersucht worden, infolgedessen wurden 289 archäologische Fundstätten registriert. Leider wurden bisher in nur 14 Orten Ausgrabungen durchgeführt, momentan gehen 7 Ausgrabungen weiter. Mehr ist in den kommenden Jahren auch nicht vorgesehen. Da in der Regel eine Ausgrabung mehrere Jahrzehnte dauert, ist es unmöglich, innerhalb von sieben Jahren – so lange soll der Bau des Damms dauern – diese Stätten einigermaßen vernünftig auszuwerten. Die Folge wird der unwiderrufliche Verlust eines der für die Menschheitsgeschichte bedeutsamsten Gebiete sein, ohne je wirklich erforscht worden zu sein. Die Politik des türkischen Staates kann nicht anders als kulturelle Massenvernichtung bezeichnet werden.

Das Symbol gegen den Ilisu-Staudamm wurde in den letzten Jahren die Stadt Hasankeyf am Tigris, die einzige aus dem Mittelalter und auch der Antike gänzlich erhaltene Stadt in Mesopotamien, die wie ein Freilichtmuseum vor uns liegt. In Hasankeyf, wo Funde aus dem frühen Neolithikum ausgegraben wurden, können Spuren von über zwanzig Kulturen mit bloßem Auge entdeckt werden. Hasankeyf war erst ein wichtiges Handelszentrum der Assyrer, dann lag die Stadt im Zentrum des Hurri-Mitanni-Reiches, für die Römer war sie eine der wichtigen östlichen Garnisionsstädte, dann das religiöse Zentrum der christlichen Assyrer (4. bis 7. Jahrhundert), weiterhin die Hauptstadt der Artukiden, mit den folgenden Eyyubiden erreichte sie ihren architektonischen Höhepunkt.

In Hasankeyf mit seinen knapp 6000 Höhlen soll es bis zu 300 Kirchen, Moscheen und andere Bauwerke geben. Am imposantesten vielleicht sind die wunderbare Felsenburg und die daran anschließende großflächige Oberstadt. Hinzu kommt die alte Steinbrücke, im Mittelalter ihrer Zeit die größte der Welt. Sie wurde jedoch einige Jahrzehnte nach ihrer Fertigstellung von den alles niederbrennenden Mongolen zerstört, wodurch Hasankeyf langsam seine Bedeutung zu verlieren begann. Jetzt, wo das Interesse an ihr wieder wächst, soll sie ein zweites Mal vom Ilisu-Konsortium und dem DSI für alle Zeiten zerstört werden.

Die Gründung eines Archäologieparks am geplanten Stausee und die Verpflanzung von etwa zehn Monumenten dorthin sind unmöglich, lächerlich und beleidigend zugleich. Jeder historische Ort lebt von seiner spezifischen Umgebung, wie Hasankeyf von Tigris, Höhlen und Felsenburg ausgemacht wird. Der zweite Grund für diesen falschen Ansatz liegt darin, dass Monumente wie die Brücke, das Zeynelbey-Mausoleum, das El-Rizk-Minarett aufgrund ihrer Bausubstanz (im Inneren Bindemittel) nicht woanders hin transportiert werden können. Es handelt sich nicht um etwas wie Abu Simbel in Ägypten. Die bisherigen Ausgrabungsleiter und mehrere renommierte Experten in der Türkei lehnen diesen irrwitzigen Plan ab.

Durch die Überflutung des Tigris-Tales geht eine jahrtausendealte spezifische Kultur von Lebensweise und Landwirtschaft verloren, die nur hier im eingeengten Tigris-Tal Leben findet. Durch die Umsiedlung der BewohnerInnen in urbane Gebiete wird sie verschwinden. Neben dem archäologisch-historischen Reichtum wird diese einmalige Kultur, von der die „modernen“ Menschen viel lernen können, endgültig vernichtet.

 

Ökologisches Desaster

Genauso wie beim kulturellen Erbe wissen wir nicht genau, was wir im Falle des Staudammbaus verlieren werden. In ökologischer Hinsicht würde das Flussökosystem des Tigris, eines der letzten großen intakten seiner Art, mit hunderten Flora- und Faunaarten verloren gehen.

Den Euphrat – schon komplett aufgestaut – und Tigris können wir uns als ein gemeinsames Ökosystem vorstellen. Viele endemische Arten von Tieren und Pflanzen dieses Systems, die nicht mehr am Euphrat existieren können, kommen nur noch am Tigris vor. Bisher wurde nur eine kleinere Untersuchung auf einer Strecke von 12 km westlich von Hasankeyf von einer Gruppe Biologen durchgeführt, infolgedessen 123 Vogelarten vor allem an den senkrechten Felsen festgestellt wurden (Prof. Murat Biricik von der Dicle-Universität Diyarbakir). Eine Besonderheit der Tigris-Fauna stellt die ein Meter lange Euphratschildkröte dar.

Um die Bedeutung des Tigris zu verstehen, muss berücksichtigt werden, dass Flora und Fauna einer ganzen großen Region von diesem Ökosystem abhängen. Der Stausee würde Lebensraum überfluten, die Wege vieler Tiere abschneiden. Und auch die regionale Feuchtigkeit würde zunehmen.

 

Die vielen oberhalb liegenden Großstädte und die immer intensivere Bewässerung würden innerhalb kurzer Zeit zur Eutrophierung des Ilisu-Stausees führen, d. h. er würde ökologisch umkippen. Auch der geplante, aber fragwürdige rechtzeitige Bau der vorgesehenen Kläranlagen könnte dies nicht verhindern. Die erste Folge wäre, dass die meisten Fischarten und andere aquatische Lebensformen verschwinden würden. Einige wenige Fischarten, die in stehenden Gewässern vorkommen, könnten sich verbreiten. Aber die Biodiversität der Flora und Fauna insgesamt würde radikal abnehmen.

Krankheiten würden durch die Eutrophierung (schlechtere Wasserqualität) und auch die riesigen und immer wieder freigelegten Überflutungsflächen wieder einziehen und/oder sich vermehren. Wie es bei den Euphrat-Staudämmen der Fall ist, würden viele verloren geglaubte Krankheiten und Seuchen zurückkehren. Dr. Ali Ceylan von der Dicle-Universität stellte fest, dass 80 % der durch Stauseen verursachten Krankheiten und Seuchen in der Türkei in der GAP-Region vorkommen. Auf diese Gefahr wird im UVP-Bericht kaum eingegangen.

Auch unterhalb der Talsperre würden Flora und Fauna sehr unter dem Staudamm leiden, weil dort kaltes und sauerstoffarmes Wasser herausgelassen würde (Erosion). Die Lebensgrundlage von Tieren und Pflanzen wie vieler Fischpopulationen würde entzogen werden. Da geplant ist, die Turbinen vor allem zu Spitzenzeiten in Betrieb zu nehmen, werden morgens und abends bis zu sieben Meter hohe Flutwellen unterhalb des Damms entstehen.

 

Gefahr eines Wasserkonfliktes

Da Ilisu- und Cizre-Staudamm kurz vor der syrischen und irakischen Grenze errichtet werden sollen, bekommt die ganze Angelegenheit eine politische Komponente. Die Gefahr politischer Konflikte im Mittleren Osten wächst. Neben Ilisu sollen noch weitere Staudämme an den Nebenflüssen des Tigris gebaut werden, womit das Staupotential auf 20,5 km3 (jährlicher Durchfluss 17 km3) gesteigert werden würde. Damit kann das Wasser des Tigris den südlichen Nachbarn für einige Monate abgedreht werden. Nicht nur Wasserzurückhaltung, sondern auch zu viel Wasser zur falschen Zeit kann zu Schäden flussabwärts führen. Besonders der Irak würde darunter leiden. Syrien ist vielmehr vom Wasser des Euphrat abhängig. Allein die Errichtung des Ilisu-Staudamms wird zur Folge haben, dass durch die Verringerung des Tigris-Wassers, das Ausbleiben der Überschwemmungen und das deutlich weniger mitgeführte Sediment die Landwirtschaft am Tigris erheblich leiden wird.

Das Hauptproblem ist, dass kein Abkommen zwischen den drei Staaten besteht. Ohne ein solches ist die Türkei in der Wasserfrage an nichts gebunden.

Die Türkei sträubt sich seit Beginn des GAP, Syrien und Irak in Bezug auf das Euphrat- und Tigris-Wasser zu konsultieren. Erst durch die Auflagen hat sie begonnen, erste – wenn auch oberflächliche – Gespräche mit Irak und Syrien zu führen. Sie betrachtet das Wasser als den „eigenen Reichtum, so wie das Öl andere Staaten der Region besitzen“. Sie hat z. B. nicht die UN-Konvention über die Nutzung nicht-schiffbarer grenzüberschreitender Wasserwege von 1997 unterzeichnet, die in der Praxis weltweit Gültigkeit besitzt. Diese enthält die Prinzipien der fairen und angemessenen Nutzung („equitable and reasonable utilization“) grenzüberschreitender Wasserwege, der Partizipation und Konsultation zwischen den Flussanrainerstaaten. Beim Ilisu-Staudamm wurden jedoch die Anrainerstaaten weder ausreichend über das Projekt informiert noch in die Planung der Nutzung der Wasserreserven eingebunden. Die Abflussrechte sind unzureichend und von unklarer Verbindlichkeit.

Die Türkei muss – nach Abschluss des Baus – bei irgendwelchen Streitpunkten zwischen den drei betroffenen Staaten eine mögliche Wasserreduzierung gar nicht erwähnen. Die Tatsache, dass die Türkei am Wasserhahn sitzt, macht die anderen Seiten unsicher. Wenn es in naher oder auch ferner Zukunft zu politischen Konflikten zwischen der Türkei und ihren südlichen Nachbarn kommen sollte, würde zunächst der kurdische Südosten der Türkei darunter leiden. Schon die Schließung der Grenzen würde spürbare wirtschaftliche Einbußen für unsere Region bedeuten.

Daher fordern wir eine nachhaltige Bewirtschaftung des Wassers von Euphrat und Tigris durch die drei Staaten Türkei, Irak und Syrien, wobei auch ökologische, soziale und kulturelle Aspekte ausreichend berücksichtigt werden müssen. Hierzu bedarf es auch einer grundlegenden Veränderung in der Einstellung zur Bewässerung in der Landwirtschaft, zur Energiepolitik und zu Ökosystemen.

 

Alternativen

Aus den Berichten und Diskussionen ersehen wir, dass Alternativen zum Ilisu-Talsperrenprojekt von staatlicher Seite überhaupt nicht zur Diskussion gestellt werden. Hauptzweck des Ilisu-Staudamms ist die Energieproduktion (1200 MW). Zunächst müsste in die maroden Stromleitungen investiert und der Verlust von 23 % auf etwa 14 % (OECD-Durchschnitt 6 %) gesenkt werden. Dies allein würde Einsparungen in der Größenordnung von drei Ilisu-Talsperren bewirken. So wird Zeit gewonnen und es kann gesehen werden, ob Ilisu wirklich notwendig ist.

Heutige Technologie, Wissen und Anwendungserfahrungen in diesem Bereich zeigen uns ganz klar, dass es viele alternative Wege gibt, um das Energieproblem zu bewältigen. Als alternative Technologien seien Sonnen-, Wind- und geothermische Energie genannt, wofür unsere Region und die Türkei sehr geeignet sind. In unserer Region scheint knapp 300 Tage im Jahr die Sonne.

Allein im Gebiet um Van gibt es gewaltige Möglichkeiten zur geothermischen Energieerzeugung.

Überhaupt sollten die Verbraucher (Haushalte, Industrie, Landwirtschaft) sparsamer mit Energie umgehen, wozu die Regierung regelmäßige und umfassende Kampagnen durchführen muss.

 

Wenn es der Regierung um die regionale Entwicklung geht, sollte mit dem Projektbudget (knapp 2 Mrd. Euro) z. B. in den kulturellen Tourismus der Region investiert werden. Unsere Region – nach übereinstimmenden Meinungen mehr als geeignet dafür – könnte davon erheblich profitieren. Viel mehr und dauerhaftere Arbeitsplätze als beim Ilisu-Staudammprojekt könnten geschaffen werden. Das kulturelle Erbe könnte geschützt werden. Auch die Ökologie müsste keine (kaum) Verluste erleiden. Und sehr wichtig: Niemand müsste zur Umsiedlung gezwungen werden.

Auch die Viehwirtschaft – traditionell sehr verbreitet – könnte nach dem erzwungenen Niedergang der 90er Jahre wieder aufgebaut werden.

Zwar würden laut Planung sieben Jahre lang durchschnittlich 2315 direkte (und etwa 1000–1500 indirekte) Arbeitsplätze entstehen, doch ginge etwa die gleiche Anzahl im Ilisu-Gebiet verloren.

 

Initiative zur Rettung von Hasankeyf

Nach vielen Bemühungen und Diskussionen wurde Anfang Januar 2006 die überregionale Initiative zur Rettung von Hasankeyf in Diyarbakir auf die Beine gestellt. In ihr sind zurzeit 72 Einrichtungen vertreten: Kommunen, wie Hasankeyf und die größten Regionalstädte Batman und Diyarbakir, Berufsverbände (Ingenieure, Architekten, Ärzte, Anwälte) der Region, Umwelt-, Menschenrechts- und soziale Organisationen, Gewerkschaften …

Die Initiative setzt sich sehr kritisch mit dem Ilisu-Talsperrenprojekt auseinander. Die sozialen, ökologischen und kulturellen Verluste sind sehr hoch, dagegen wird der Nutzen für die Region kaum spürbar sein. Die Zentralregierung übergeht die lokalen und regionalen Kräfte und ihre Forderungen; nicht einmal eine Diskussion kommt in Frage.

Seit Gründung der Initiative wurden Symposien und Informationsveranstaltungen, Umfragen in den betroffenen Siedlungen durchgeführt, Betroffene aufgeklärt, bei den ECAs Dutzende Kommentare eingereicht, Konzerte und Demonstrationen organisiert etc.

Die Initiative steht in engem Kontakt zu sechs NGOs in Europa, welche die europäische Ilisu-Kampagne führen. So wurden mehrere Delegationen in beide Richtungen organisiert.

 

 

Kontakt: Initiative zur Rettung von Hasankeyf

Adresse: Yerel Gündem 21, Cami Kebir Mah., Yesil Sok.

Suriçi/Diyarbakir/Turkey

Tel: +90 (412) 228 96 30 – Fax: +90 (412) 228 45 09

http://www.hasankeyfgirisimi.com

Kontakt: hasankeyfgirisimi@gmail.com